Streik in der Steinzeugfabrik 1912

Am 1. Juni 1912 traten die Tagelöhner und Töpfer der Friedrichsfelder Steinzeugfabrik in den Streit. Grund dafür war die ablehnende Haltung der Direktion nach einem verbesserten Tarifvertrag. Die Entlohnung lag weit hinter anderen Betrieben zurück.

Die Forderung der Streikenden sah vor:

1. Die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 60 auf 59 Stunden

2. Nichtabzug des Zeitaufwandes bei Arztbesuchen

3. Übliche Zuschläge für Nacht und Sonntagsarbeit

4. Anfangslohn für Tagelöhner über 18 Jahre 4 Mark

Nach 6 Wochen 4,10 Mark

Nach 13 Wochen 4,20 Mark

Nach 26 Wochen 4,40 Mark

Nach 52 Wochen 4,50 Mark

5. Für Tagelöhner unter 18 Jahren 1,80 Mark

6. Erhöhung der Akkordpreise um 5%

7. Gewährung von Erholungsurlaub

Das Unternehmen war nur bereit eine Lohnerhöhung um 3 Pfennig und einen dreitägigen Erholungsurlaub alles andere wurde abgelehnt.

Noch ehe die Arbeitsorganisation zu dem Angebot Stellung nehmen konnte, verlangte die Betriebsleitung Mehrarbeit von Arbeitern, die von diesen verweigert wurde.

Nachdem die Direktion darauf mit der Entlassung von Arbeitern reagierte, war der Arbeitskampf perfekt. Auf den Streik reagierte die Firma mit Zeitungsanzeigen in denen sie Streikbrecher anheuerte die sich auch in großer Zahl einfanden.

Die Streikenden lieferten sich mit den Streikbrechern während des Ausstandes laufend kleinere Scharmützel. Am Samstag den 13. Juli eskalierte das ganze, als die Streikbrecher in den Wirtschaften Getränke verlangten, diese aber nicht erhielten. Darauf hin fielen Schüsse und bei einem Handgemenge bekam ein Streikbrecher einen lebensgefährlichen Stich in den Leib und musste noch in der Nacht in ein Krankenhaus gebracht werden.

Nach diesem Ereignis wurden mehrere Streikende und zwei Streikbrecher verhaftet. Am 20. Juli scheiterte nach 7 Wochen der Arbeitskampf an der Uneinigkeit der Streikenden. Vor dem Landgericht Mannheim wurde gegen 6 Streikende wegen Streikvergehen und Körperverletzung hohe Strafen verhängt.

Die Urteile sahen folgendermaßen aus:

Sattler        5 Jahre und 2 Monate

Weber        5 Jahre und 2 Monate

Heibel         5 Jahre und 2 Monate

Mehl            5 Jahre

Spitzenberger                          3 Monate

Schlipf                          3 Monate

Die gegen das Urteil eingelegte Berufung führte zu einer Reduzierung der Strafen.

Mehl wurde zu 4 Jahren verurteilt,

Sattler zu 3 Jahren und 11 Monate,

Weber zu 3 Jahren und 8 Monate.

         Heibel musste wegen erwiesener Unschuld freigesprochen werden.

Die Erfahrung, dass Maßregelungen nicht nur als Mittel der Disziplinierung der Arbeiterschaft, sondern auch der Geistlichkeit angewandt wurde, musste im Zusammenhang mit dem Friedrichsfelder Streik auch der Mannheimer Stadtpfarrer Lehmann machen, der sich während des Streiks für die Interessen der Arbeiterschaft einsetzte. Der Oberkirchenrat hatte sich nämlich dazu entschlossen, nachdem er vom Verband Südwestdeutscher Industrieller aufgefordert wurde, dass es den Inhabern von Pfarrämtern, verboten wird, in Streik- Angelegenheiten, Lohn- und Klassenkämpfen einseitig Partei zu ergreifen.

 

Auszüge aus Der Proletarier Nr. 52/1912

 
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