Wirtschaften in Friedrichsfeld 1907

Hermann Schöntal wahr von 1905 bis 1950, also 45 Jahre, Pfarrer der Johannes- Calvin Gemeinde Friedrichsfeld. Während seiner Tätigkeit führte er den Heimattag ein, der bis heute noch gefeiert wird, er war von 1906 bis 1930 Herausgeber des Kirchenblattes, das er „Heimat“ nannte.

 

Zu damaliger Zeit gab es in Friedrichsfeld 13 Wirtschaften bei einer Einwohnerzahl von 2485. Das ergab im Schnitt 191 Friedrichsfelder pro Wirtschaft. In der Ausgabe August 1907 veröffentlichte Schönthal folgenden Text mit der Überschrift:

 

Erfreuliches

 

Erfreuliches lässt sich nicht immer berichten. Diesmal aber ist es möglich auf einem Gebiete, wo ich es am wenigsten erwartet hätte. Es ist die Tatsache: Je mehr Wirtshäuser vorhanden sind, desto mehr wird getrunken. Gelegenheit macht nicht bloß, wie das Sprichwort sagt, Diebe, sondern auch Trinker. Wenn an jedem Eck und dazwischen auch noch ein paar Mal ein Schild zum Trinken einlädt, so lässt man sich viel leichter verführen, da ein Glas und dort ein Glas zu leeren.

 

Nun ist es wissenschaftlich nachgewiesen, wie viel Elend der Alkohol, der im Bier, Wein, Branntwein enthalten ist, über den Menschen bringt, wie ein ganzes Heer von Herz-, Magen-, Nieren- und Leber-Krankheiten und manche andere noch allein ihre Ursache im Genuss jener Getränke hat, wie die Mehrzahl aller Vergehen und  Verbrechen  unter der Wirkung des Alkohols begangen wird. Mit anderen Worten: wenn sich die Menschen des Genusses der alkoholhaltigen Getränke mehr und mehr enthielten, wären sie  gesünder, glücklicher.

 

Man bräuchte nicht mehr die Hälfte soviel Gefängnisse, Irrenhäuser und Idiotenanstalten bauen. Drei Milliarden Mark (soviel gibt unser deutsches Volk Jahr für Jahr für seinen größten Feind aus!) könnten nutzbringender, segensreicher verwendet werden. Doch darüber ein andermal vielleicht mehr.

Die Wirte sträuben sich gegen diese Erkenntnis, weil sie mit Recht einen Rückgang ihres Geschäftes befürchten. Ist das notwendig? Nein, wenn eines geschieht! –

 

Wenn der Staat und die Regierung nicht mehr so viele Wirtschaften genehmigen!

 

Dann ist nämlich der Wirt nicht mehr darauf angewiesen, dass der Einzelne so viel trinkt und kann dabei doch ganz gut existieren. Wenn erst auf 500 bis600 Einwohner eine Wirtschaft käme, dann könnte ein Wirt ganz gut sein Auskommen haben, auch wenn nicht so viel getrunken wird wie jetzt. Wenn aber schon auf 200 Einwohner eine Wirtschaft kommt und dazu fast jeder Spezereiladen ein Flaschenbiergeschäft ist, dann muss ja der Wirt zur Unmäßigkeit drängen.

 

Und den Schaden trägt die Allgemeinheit, trägt so manche Hausfrau, die nicht weiß, wovon sie den Haushalt bestreiten soll, wenn der Mann seinen „Zahltag“ im Wirtshaus verbraucht.

Darum begrüße ich es als einen Fortschritt und ich gratuliere dazu, dass die hiesigen Wirte selber, wenn sie es auch im eigenen Interesse getan haben, eine Eingabe unterschrieben haben, in der die Bitte steht:

 

„Keine neuen Wirtschaftsgenehmigungen“

 

Weniger Wirtschaften, größere Mäßigkeit im deutschen Volk, in den oberen und unteren Ständen! Und die Folge wird sein: Mehr Wohlstand und Zufriedenheit!

Wer daran mitarbeitet, der arbeitet am wirklichen Fortschritt mit.

 

Auszug aus „Heimat August 1907“

 
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